Weisse Weihnacht in Gelsenkirchen. Eine Satire von Humor los!

Bild: Lotus Head
Bild: Lotus Head

Vorwort: die folgende Erzählung handelt von meinem anderen Ich, dem Zahnarzt Richard Hasenherz aus Gelsenkirchen und seinen Verwandten. Viel Vergnügen beim Lesen!

 

 

Whams „Last Christmas“ beherrscht wieder das Radioprogramm. Bei geschicktem Senderwechsel käme man zu einer Endlosschleife. Aha, schießt es mir in den Kopf, Weihnachten steht wohl wieder vor der Tür. Same procedure as last year, same procedure as every year. Aber diesmal wird das Fest anders. Die Vorahnung dessen beginnt damit, dass laut der in die Weihnachtsmusik hineintapsenden Nachrichten am diesjährigen Heiligabend die Geschäfte in Gelsenkirchen, das spricht sich übrigens mit kurzem e und langgezogenem i, also Gelsenkiirchen, nicht öffnen wollen. Wenn aber der Woolworth Heiligabend dicht macht, wo soll ich bitte schön am 24. Dezember noch die Weihnachtsgeschenke herbekommen? 

 

Fall Sie, werte Leser,  jetzt denken sollten „oh, das ist aber kurzfristig“, seien Sie bitte beruhigt: es hat bislang immer geklappt, niemand aus der Familie ist leer ausgegangen. Mein Onkel Herbert zum Beispiel hat es auf diese Weise, auch unter Einbeziehung seiner Namenstage, zu einer ansehnlichen Krawattensammlung geschafft. Wenn er Anzüge trüge, taugte er zum Krawattenmann des Jahres. Nicht, dass Sie denken, ich wäre auf Krawatten beschränkt. Onkel Herberts Sohn Egon, meinem Vetter also, schenke ich traditionell Tennissocken. Weil er sonst keinen Sport treibt. Egon ist ein kluges Kerlchen, der es von der Straße in die beheizte Schreibstube gebracht hat. Egon arbeitet bei der Müllabfuhr. Dort ist er jetzt für das QM zuständig. QM steht für Qualitätsmanagement, vielleicht aber für Qualitätsminderung, da bin ich mir nicht sicher. Jedenfalls erstellt Egon Listen über die Fehltage der Kollegen und sucht nach Verknüpfungen zum Urlaub oder Wochenende. Auffälligkeiten muss er an die übergeordnete Verwaltungsebene melden. Da das seinen Tag nicht füllt, ist Egon auch für das Beschwerdemanagement verantwortlich. Dafür ist er der geborene Mann. Wem der Geruch von Mülltonnen nichts anhaben kann, an dem perlen auch die Beschwerden der Kundschaft rückstandslos ab. Meistens jedoch melden ihm besorgte Bürger wilde Müllhaufen, die die Stadtreinigung auf ihrer Rundfahrt nicht mitgenommen hat. Zur Vorbeugung eines Schädlingsbefalls muss Egon in solchen Fällen das Gesundheitsamt informieren. Im weiteren Gang des Verfahrens wird das Ordnungsamt einbezogen, das von seiner Befugnis Gebrauch macht, der Stadtreinigung einen Auftrag zur Beseitigung des wilden Müllhaufens zu erteilen. Eine direkte Mitnahme des Mülls auf der normalen Müllwagentour kommt in den Zeiten des QM natürlich nicht mehr in Frage. Aber das nur nebenbei.    

 

Tante Martha, Onkel Herberts gut zehn Jahre ältere Schwester, hingegen freut sich immer zu Weinbrandkonfekt. Glücklicherweise ist sie dabei nicht wählerisch. Schon das Sortiment aus der Gemischtwarenhandlung stimmt sie fröhlich. Wie fröhlich, bestimmt der Alkoholgehalt. Bei Kaffee allerdings ist Tante Martha festgelegt. Fein gemahlen, heiß gebrüht und mit dem vollen Aroma der Filtertüte muss er sein. Übrigens: hochprozentige Nahrungsergänzungsmittel lassen sich im Kaffee untermengen ohne, dass die Nachbarn dies mitbekämen. Weil verwitwet und kinderlos, ist Tante Martha so eine Art familiärer Wanderpokal, der jeweils zum besinnlichen Jahresausklang weitergereicht wird. 

 

Diesmal bin ich mit dem Ausrichten des Weihnachtsfestes dran. Wie soll ich die Wünsche meiner Verwandtschaft nur stillen? Einerseits bin ich nach dem 4 : 4 Sieg meines FC Schalke 04 gegen den BVB zu stolz, wegen der Weihnachtsgeschenke nach Dortmund zu reisen, soweit wollte ich nicht sinken. Manche Schnösel dort schweben in einer anderen Welt, in der mir nicht wohl wäre. Es reicht bereits der überladene Schmuckbehang ihrer Frauen, der einen fragen lässt: ist es die Dame des Hauses oder der Weihnachtsbaum in voller Rüstung? Andererseits muss ich die Sippe gnädig stimmen, wenigstens soweit es etwas zu erben gibt, also Tante Martha. Ein Plan B muss her. 

 

Eines ist klar: die Feststätte muss mit einer kurzen Fahrt in meinem Oppel Agila, Baujahr 2003, erreichbar sein, ohne, dass Tante Marthas geschwächter Rücken während der Fahrt einknicken möge. Da hülfen auch keine Weinbrandpralines mehr. Meine abgefahrenen Sommerreifen stellen hingegen kein Problem dar;  ihre Bodenhaftung stellt sich auf der regennassen Straße durch die Beladung mit vier Erwachsenen von selbst ein. Es finden sich nicht viele Orte in der Umgegend, die zu Weihnachten Weinbrandpralinen, warme Speisen, Alkoholika und Filterkaffee zu geschmücktem Tannenbaum und Whams „Last Christmas“ bieten. Genau genommen nur einer: Schulzes Freie Tankstelle. Mit Autowäsche, Reifendienst, Food- und Non-Food-Shop, schmuckem Tannenbaum und besinnlicher Hintergrundmusik. Also gebongt, Weihnachten wird diesmal an Schulzes Tanke begangen. Im Kreise der Familie, bei einer Auswahl erlesener Winterreifen und italienischer Spumanti. Dazu wird gesungen: „Oh Tannenbaum, warum bist Du kein Pflaumenbaum?“. Als besondere Überraschung dürfen die älteren Semester, also Tante Martha und Onkel Herbert, bei der Perlglanz-Autowäsche mitlaufen. Die konserviert, pflegt und schließt die Poren. Danach erfolgt die innere Anwendung von heißem Glühwein, damit die Beiden nicht erfrieren. Da platzt Schulze in die Runde: "Hab' ich Euch nich' gesagt, Haarspangen und andere bewegliche Teile sind vor der Wäsche abzumachen?" Vorwurfsvoll hält er Zahnprothesen in die Höhe. Deren Zahnfarbe liegt irgendwo zwischen A1 und Egons Tennissockenweiß. "Dasch schind unsere. Schind wieder richtig weisch!" zischen Tante Martha und Onkel Herbert begeistert.

 

Weiße Weihnacht in Gelsenkirchen.