Ordnung, eine Satire von Humor los!

Ordnung ist das halbe Leben und ich lebe in der anderen Hälfte. Gestatten Sie, werte Leser, Ihnen einen Einblick in meine Welt zu geben. 

Was meine Frau als Unordnung bezeichnet, nenne ich eine Machtdemonstration der Dinge. Schöne Bretter, aus echtem Buchenholz, abgelagert, mit feiner Oberflächenbehandlung, die die vorzügliche Maserung zur Geltung bringt, sind mir zu schade zum Wegwerfen. Meine Handwerkskunst reicht zwar nicht für edlen Möbelbau. Aber eine einfache Hundehütte könnte ich zusammenhämmern. Wenn ich irgendwann in Rente bin, werde ich einen Hund anschaffen. Also behalte ich das Holz. Wie schon mein Vater. Auch der hatte keinen Hund, aber jede Menge Bretter. Römertopf, vor 19 Jahren grade gekauft, werfe ich nicht weg, nur weil er zerbrochen ist. Irgendwann, da bin ich mir sicher, wird es feuerfestes Ponal geben. Ich glaube fest an die Innovationskraft der deutschen Industrie. Also bewahre ich die Scherben. Genau so wie echte Faksimiledrucke Rembrandts, Auszüge der Weltliteratur von Batman bis Donald Duck, Autobiografien Prominenter, auch die Boris Beckers und Menderes‘, Der Duden von 1980 (aus dem die meisten Wörter übrigens immer noch in Benutzung sind!), mein Drittfahrrad, bunte Glühlamen (die kommen bestimmt wieder in Mode), Weihnachtspapier (immer wieder gefragt), eine fast vollständige Sammlung Bleistifte der Härtegrade 6H bis 4B, diverse Langspielplatten nebst einem Kassettenrecorder, der unbenutzte Ratgeber „Ordnung halten für Anfänger“, die - abgegriffene - Monografie „Zwanghafter Ordnungssinn bei Ehefrauen, Diagnose und Behandlung“, und, und, und...   

 

Vorgenannte Beispiele mögen Ihnen einen ersten Eindruck vermitteln. Die Aufzählung ließe sich im erheblichen Umfang weiterführen. Aber ich möchte Sie nicht langweilen. Lassen Sie es mich zusammenfassend so ausdrücken: meine Anordnung der Dinge entzieht sich der Beschreibung durch die gängigen Chaostheorien. Ich trenne nicht zwischen kann weg und muss bleiben, sondern zwischen kann ich gebrauchen und könnte ich gebrauchen. Mein Arbeitszimmer ist groß. Zugegeben, eines der vielen Regale verdeckt das Fenster. Vollständig. Jedoch wird Tageslicht seit der Erfindung der Glühlampe überschätzt. Warum vieles auf dem Boden liegt, erklärt sich einfach: Schwerkraft. Also eine natürliche Erscheinung. Wer meine Schatzkammer betritt, kann sich davon überzeugen, dass die quantenphysikalische Unschärferelation, wonach einzelne Teilchen niemals räumlich und zeitlich zusammen bestimmt werden können, auch den Zustand meines Arbeitszimmers zutreffend beschreibt. Wer es nicht so mit der Quantenphysik hat: kreuzen sie einfach ein Fundbüro mit einem Ein-Euro-Shop, und werfen Sie einige Dinge durcheinander, dann bekommen Sie eine ungefähre Vorstellung.       

 

Mittlerweile habe ich ein gewisses Verständnis dafür entwickelt, also entwickeln müssen, dass meine Gemahlin von meinem Durcheinander genervt ist. Sie hat natürlich Recht mit ihrer Kritik. Oder kennen Sie eine Ehefrau, die nicht Recht hätte? Eben. Die Weltordnung gründet darauf, dass Ehefrauen Recht haben. Den Handlungsbedarf habe auch ich mittlerweile eingesehen. Das ergab sich, als mir meine holde Gattin die Frage stellte, welche Oberfläche mein Schreibtisch habe. Ich musste nicht lange überlegen: Zeitungspapier. Gestapelt und in allen Schattierungen des Vergilbens. Suchen und Finden haben bei mir jegliche Bindung verloren. Aber ich lese mit Freude, dass wir Papst sind, die Mauer offensichtlich gefallen ist und Adenauer sich mit den Franzosen versöhnen möchte.

 

Wahrscheinlich ist Recht haben auf dem X-Chromosom festgelegt. Das frauliche Gehirn jedenfalls ist dem unsrigen weit überlegen. Ihre Gehirnhälften denken parallel, weswegen sie auch mehrere Dinge gleichzeitig erledigen können: Ausparken und Poller schrammen zum Beispiel. Übrigens: wussten Sie schon, dass Lidschatten auch heftige Kratzer in einer Metalliclackierung hervorragend zu überdecken vermag? 

 

Darüber hinaus sind Frauen hervorragend vernetzt. Auch mit der Sperrmüllabfuhr, die sich demnächst mit den Inhalt meines Arbeitszimmer befassen wird. 

 

Nachtrag: mein Schreibtisch ist Eiche furniert.